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27 November 2007 | Kreisverband Münster
ZUSAMMENFASSUNG DES VORTRAGES VON HERIBERT BREKER
Preisturbulenzen auf den Agrarmärkten
Getreide-, Butter- und Milchpulverberge sowie Milchseen sind verschwunden. Die Vorratsläger sind weltweit leergefegt. Ungewöhnliche Preissteigerungen auf der einen Seite und ruinöse Erzeugerpreise für Schweinefleisch auf der anderen Seite prägen ein kontroverses Bild von der Landwirtschaft. Dies alles spielt sich seit einem halben Jahr ab. Was sind die Hintergründe? Wie sind die Perspektiven?
Schon seit mehreren Jahren zeichnet sich ab, dass die Erzeugung von Grundnahrungsmitteln wie Getreide und Reis nicht mit der weltweiten gestiegenen Nachfrage Schritt halten kann. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um rd. 80 Mill. Menschen, das entspricht der Größe der Bundesrepublik. Mehr als 80 % des Wachstums findet in Asien und Afrika statt. Während das afrikanische Durchschnittseinkommen nur geringfügig zulegt, wächst die Kaufkraft im asiatischen Raum mit zweistelligen Zuwachsraten. Dort will man nicht nur ein Körnchen Reis mehr essen, sondern mit steigendem Wohlstand steigt das Verlangen nach höher veredelten Produkten wie Fleisch und Milch. Man kann es sich leisten.
Die gestiegene Nachfrage konnte in der jüngeren Vergangenheit noch aus den reichlich vorhandenen Reserven bedient werden, so dass sich an der Preisfront zunächst wenig bewegte. Die sich nur langsam abzeichnende Verknappung an Grundnahrungsmitteln wurde jedoch schlagartig durch 2 grundlegende Ereignisse verschärft.
Den größten Einfluß übt der Energiesektor aus. In den USA werden 2007 rd. 80 Mill. t Mais zu Biosprit verarbeitet. Das ist das Doppelte der gesamten Getreideernte der Bundesrepublik Deutschland. Im kommenden Jahr 2008 werden die Verarbeitungskapazitäten nochmals um 30 % aufgestockt. Brasilien verarbeitet Zucker aus Zuckerrohr zu fast 60 % zu Biosprit, braucht aber dafür nur 3 % seiner Landwirtschaftlichen Nutzfläche. In Deutschland werden 2 Mill. ha Ackerland (ca. 25 % der Ackerfläche) für den Anbau nachwachsender Rohstoffe verwendet und stehen damit nicht mehr für die Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln zur Verfügung. In fast allen entwickelten Ländern der Welt werden Programme aufgelegt, aus nachwachsenden Rohstoffen Bioenergie zu gewinnen. Dabei erreicht der Anteil Biokraftstoffe am gesamten Energiemarkt gerade mal 4 %.
Wenn in einer derart angespannten Versorgungslage größere Produktions- und Exportländer wie die EU-27, Ukraine, Australien, Kanada u. a. durch ungünstige Witterungsbedingungen erhebliche Ernteausfälle zu verzeichnen haben, dann sind gewaltige Preissprünge vorprogrammiert. Die Erzeugerpreise für Getreide haben sich innerhalb von weniger als 5 Monaten verdoppelt. Gut für die Einkommen der hiesigen Landwirte könnte man meinen, aber weit gefehlt. Der überwiegende Teil der Bauern hierzulande bewirtschaftet Veredlungsbetriebe. Das Getreide wird dringend für die Tierhaltung gebraucht und das bedeutet, dass die Futterkosten in der Tierhaltung sich erheblich verteuert haben. In der Fleischerzeugung lassen sich jedoch die steigenden Kosten nicht sofort in höhere Preise für Veredlungsprodukte umsetzen, weil der Markt dies nicht hergibt. Also verpufft die schöne Wirkung hoher Getreidepreise. Am schlimmsten sind flächenarme Betriebe dran, die Futtermittel zukaufen müssen, weil die eigene Futtergrundlage aufgrund der kleinen Flächenausstattung nicht reicht. Schweine- und Ferkelerzeuger haben mit existenzbedrohenden Preis- und Einkommensproblemen zu kämpfen.
Die ungewöhnliche Entwicklung im Milchmarkt war in diesem Ausmaße nicht vorhersehbar. Noch vor einiger Zeit glaubte man, auf Butter-, Pulverbergen und Milchseen zu sitzen. Erzeuger- und Verbraucherpreise waren auf dem Tiefstpunkt. Es bedurfte jedoch nur weniger Produktionsausfälle in zentralen Produktionsgebieten auf der Welt, um Überschüsse in Knappheiten zu verwandeln.
In der EU führte die stärkere Bestrafung von Überlieferungen der zulässigen Quotenmengen zu einer ersten Reduzierung der Erzeugungsmengen. In jüngerer Zeit tragen regionale Futtermittelknappheiten und die aktuelle Blauzungenkrankheit dazu bei, daß die maximal zulässigen Milcherzeugungsmengen erst gar nicht erreicht werden.
Die Jahrhundertdürre 2006 in Australien hat zu einem Einbruch der Milchproduktion um rd. 20 % geführt. Die australischen Exporte von Milchprodukten für den asiatischen Raum sind noch stärker zurückgenommen worden. Die australische Regierung rechnet damit, dass es voraussichtlich 10 Jahre braucht, bis der Grundwasserspiegel sich wieder normalisiert hat. Eine Erholung der australischen Milchwirtschaft wird daher längere Zeit in Anspruch nehmen.
Neuseeland produziert Milch fast ausschließlich auf der Grundlage von Weidewirtschaft. Kraftfuttereinsatz ist minimal. Eine Ausdehnung der Milcherzeugung ist bei begrenzter Fläche nur in geringen Spannbreiten möglich. Die Kapazität der neuseeländischen Milchwirtschaft beträgt nur rd. 10 % der Europäischen Milchmenge, der Exportanteil liegt weit über 50 %. Jede Steigerung der neuseeländischen Milchproduktion führt in voller Höhe zu steigenden Exporten.
Die Milchwirtschaft in den USA hat zwar zugelegt, aber der Zuwachs ist im Wesentlichen von der steigenden Inlandsnachfrage aufgesogen worden. Amerikanische Milchpulverexporte werden durch die hohen Käseimporte überkompensiert. Die US-Milchwirtschaft kann daher keinen nennenswerten Beitrag zur Verbesserung der weltweit gestiegenen Nachfrage nach Milchprodukten leisten.
Auf der Nachfrageseite ist aufgrund steigender Bevölkerung und steigenden Einkommens im asiatischen Raum davon auszugehen, daß die Nachfrage anhaltend steigen wird. Angesichts der begrenzten Aussichten zu kurzfristigen Produktions-steigerungen wird die Versorgung mit Milch und Milchprodukten eng bleiben. Für die weitere Entwicklung kommt es auf die Milchmarktpolitik der EU-27 an, die das Ziel verfolgt, die Erzeugungsbegrenzungen möglichst noch vor 2015 abzubauen. Die Diskussion darüber hat bereits begonnen und wird im Jahre 2008 ihren Höhepunkt erleben.
Fazit:
Das Agrarpreisniveau wird bei anhaltend hohen und möglicherweise noch steigenden Erdölpreisen vom Energiesektor bestimmt. Es besteht das Konkurrenzproblem weniger teuer Auto zu fahren oder teurer zu essen.
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