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25 November 2009 | Kreisverband Herford
Prof. Dr. Theuvsen sprach mit Landwirten über Weltwirtschaftskrise und volatile Agrarmärkte
Herford /WLV (Re): Wie sehen die Markt- und Preisentwicklungen auf den Agrarmärkten aus? Wie steht es um die Perspektiven des grünen Berufszweiges im Zeitalter von Europäisierung und Globalisierung? Auf diese Fragen ging Prof. Dr. Ludwig Theuvsen, Professor für Betriebswirtschaftslehre des Agribusiness an der Universität in Göttingen, am Montag (23. 11.2009) ein. In einer gemeinsamen Veranstaltung des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Herford und der Sparkasse Herford sprach er zum Thema: „Weltwirtschaftskrise und volatile Agrarmärkte: Was ist zu tun, damit die Landwirtschaft in Deutschland Wettbewerbsfähig bleibt?“.
„Ich freue mich, einen so hochkarätigen Fachmann begrüßen zu können“, stellt Klaus Rehbaum vom Vorstand der Sparkasse Herford den Referenten vor. Weiter schilderte der Kreisverbandsvorsitzende Wilhelm Brüggemeier, dass die aktuelle Lage auf den Märkten den Landwirten zu schaffen mache. Die Preise auf fast allen Agrarmärkten seien zu niedrig, die derzeitigen Erlöse nicht kostendeckend und die Situation auf vielen Höfen inzwischen bedrohlich. Die Stimmung sei auf dem Nullpunkt. „Die Finanzkrise hat die Landwirtschaft voll erwischt“, unterstreicht Brüggemeier. „Außerdem sind die oft vorhergesagten Schwankungen der Agrarpreise Realität.“
Prof. Theuvsen stellte in seinem Vortrag die Herausforderungen volatiler Weltagrarmärkte in den Mittelpunkt. Er machte deutlich, wie stark die Preisschwankungen in den letzten Jahren zugenommen hätten. „Branchenkenner gehen für die Zukunft weiter von einer zunehmenden Volatilität der Märkte aus“, berichtet der Experte. Ein kleiner Trost sei dabei: Allgemein würden tendenziell steigende Preise für die wichtigsten Agrarrohstoffe erwartet. Er erklärt: „Volatilität bedeutet, dass es neben Phasen hoher Preise mehr oder minder lange Phasen niedriger oder sogar sehr niedriger Preise geben kann. Die Rolle von Spekulation sei in diesem Zusammenhang bislang weitgehend ungeklärt. „Es scheint aber, dass Spekulation Preisspitzen nach oben und unten verstärken werden“, betont er.
Wie können sich Landwirte für volatile Agrarmärkte wappnen? „Eine einfache Antwort“, so Professor Theuvsen, „gibt es nicht“. Grundsätzlich sei der Umgang mit Volatilität eine Frage des Risikomanagements. Ergebnisse einer Befragung von Milchbetrieben zeigen, dass das Risikomanagement momentan häufig noch wenig entwickelt ist. Dies gilt auch für die Lebensmittelverarbeiter. Darüber hinaus scheint die Risikowahrnehmung sehr stark durch die jeweils aktuelle Situation geprägt zu sein, während mittel- und langfristige Trends eher aus dem Blick geraten. Die Empfehlung von Professor Theuvsen: „Das Risikomanagement landwirtschaftlicher Betriebe muss, evtl. in Zusammenarbeit mit Beratern, systematischer als bisher passieren.“ Es müsse insbesondere Extrem-Szenarien, etwa die Folgen längerfristig sehr niedriger Preise für Gewinn, Liquidität und Einkommen, berücksichtigen.
Ein zweiter Handlungsbereich sind vor dem Hintergrund volatiler Märkte die Finanzierung und das Liquiditätsmanagement. „Ansteigende Verschuldungsgrade bei gleichzeitig volatilen Preisen erhöhen das Risiko beträchtlich“, erklärt der Fachmann. Ergebnisse zur Finanzierung landwirtschaftlicher Biogasanlagen zeigten, dass Bauern relativ schnell bereit seien, zugunsten eines kleinen Zinsvorteils ihre Bank zu wechseln. Professor Theuvsen meldete Zweifel an, ob dies in Zeiten schwankender Märkte der richtige Weg sei. Sinnvoller sei es seiner Auffassung nach, sich eine feste Hausbank zu suchen, die einem auch in schwierigen Zeiten zur Seite stehen könne. Weiter verlange das Liquiditätsmanagement bei volatilen Preisen mehr Aufmerksamkeit als bisher. Aktuelle Befragungen der deutschen Ernährungsindustrie ergäben, dass man dort zunehmend auf langfristige Verträge mit Zulieferern setze, um die Volatilität der Agrarmärkte in den Griff zu bekommen. „Die Bereitschaft vieler Landwirte, langfristige Verträge mit festen Preisen mit Abnehmern einzugehen, ist demgegenüber häufig noch gering“, weiß der Referent. Hier wird ein weiteres Handlungsfeld deutlich: Langfristige Beziehungen und sichere Preise seien angesichts erheblicher Preisschwankungen häufig wichtiger als die kurzfristige Maximierung der Auszahlungspreise.
Weiter sind nach Meinung des Experten strategische Fragen stärker unter dem Aspekt der damit verbundenen Risiken zu betrachten. Studien von Haupterwerbsbetriebe in NRW zeigen, dass vor allem Wachstumsbetriebe bereit waren, erhebliche Risiken einzugehen. In diesem Zusammenhang spiele der schon seit längerem zu beobachtende Trend zur Spezialisierung in der Erzeugung eine wichtige Rolle. Nach Ansicht von Professor Theuvsen würde es unter Risikoaspekten jedoch notwendig sein, die Frage der Spezialisierung oder Diversifikation der Betriebe unter veränderten Vorzeichen zu diskutieren. Der Professor: „Wenn die Märkte unvorhersehbar sind, kann es sich als zu riskant erweisen, ‚alle Eier in einen Korb’ zu legen.“ „Insgesamt muss das Risikomanagement als originäre betriebliche Aufgabe aufgefasst werden“, empfiehlt der Professor. Eine schlechte Idee sei es, allein auf die (Agrar)Politik zu setzen. Die Möglichkeiten der Politik, Preise in volatilen Märkten zu glätten, würden allgemein überschätzt. Zudem scheine es in der Agrarpolitik an der Bereitschaft zu erheblichen Markteingriffen zu fehlen. Sein Fazit: „Wenn es um den Umgang mit volatilen Märkten geht, werden Landwirte in Zukunft auf sich selbst gestellt sein.“
„Wir haben einen hochinteressanten Vortrag gehört“, fasst der Kreisverbandsvorsitzende zusammen. Generell zeichnet sich ab, dass die Preisausschläge stärker werden. Ebenso machen die zunehmende Geschwindigkeit ihrer Veränderungen – nach oben und nach unten - die Märkte noch weniger kalkulierbar. Entscheidend wird sein, auch in schlechten Zeiten Oberwasser zu behalten. Trotzdem: „Die bäuerlichen Betriebe hierzulande sind gut aufgestellt. Deutsche Agrarprodukte werden in die ganze Welt verkauft“, so der Vorsitzende. Zudem sieht sich der Vorsitzende in den Forderungen des Berufsstandes nach fairen Wettbewerbsverhältnissen und einer steuerfreien Risikorücklage bestätigt. Brüggemeier: „Dann werden wir auch besser mit den Schwankungen und vor allem ‚Tiefen’ der Märkte zurecht kommen können.“
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