Feierliche Übergabe der Erntekrone an den Landrat

28. September 2017

Sorgen des grünen Berufszweiges: steigender Flächenfraß und zunehmende Bürokratie

In einer Feierstunde überreichte der landwirtschaftliche Berufsstand die Erntekrone an den Landrat (von links nach rechts) unten:
Bettina Westermeyer - Ortslandfrauenvorsitzende Verl, Andreas Westermeyer – Kreisbandsvorsitzender, Renate Große-Wietfeld - Kreislandfrauenvorsitzende Gütersloh, Marianne Albrecht - Stellvertretende Kreislandfrauenvorsitzende und Kreislandfrauenvorsitzende Halle, Sven-Georg Adenauer – Landrat, Christa Schwienheer - Ortslandfrauenvorsitzende Varensell, oben: Arnold Weßling stellvertretender Kreislandwirt, Heiner Kollmeyer – Kreislandwirt und Ludger Edenfeld - Ortsverbandsvorsitzender Varensell

In einer Feierstunde mit zahlreichen Gästen aus Politik und Wirtschaft überreichte der landwirtschaftliche Berufsstand am Dienstag (26.9.2017) die Erntekrone an den Landrat des Kreises Sven-Georg Adenauer. Die Erntekrone im Kreishaus habe eine lange Tradition, so Andreas Westermeyer, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Gütersloh in seiner Begrüßung. „Wir möchten uns mit dieser prachtvollen Getreidekrone für die gute Zusammenarbeit zwischen Kreisverwaltung und Landwirtschaft bedanken.“

Landrat Adenauer freute sich über die geschmückte Erntekrone und die schöne Geste in jedem Jahr. Die Erntekrone sei eine Augenweide, ein Symbol des Danks und zeige, dass der Kreis eng mit den heimischen Bäuerinnen und Bauern verbunden sei. Er betonte, wie wichtig eine starke Landwirtschaft für die Lebensqualität der Menschen im Kreis sei.

Die Landfrauenverbände und Landwirtschaftlichen Ortsverbänden Varensell und Verl haben die diesjährige Erntekrone gebunden und den Platz im Foyer des Kreishauses mit herbstlichen Früchten dekoriert. Musikalisch untermalt wurde die Feierstunde vom Gesang des Landfrauenchores. Die beiden Landwirtschaftlichen Ortsverbänden und Landfrauenverbände Varensell und Verl präsentierten zudem ernste Themen am Abend. Sie stellten den steigenden Flächenfraß und die zunehmende Bürokratie anschaulich da. So verdeutlichte eine gepflasterte Fläche die Versiegelung von Boden und damit von wertvollen landwirtschaftlichen Flächen. Dazu waren große Paragraphen-Zeichen, ein Schreibtisch sowie viele Aktenordner zu sehen. Sie stehen sinnbildlich für die immer größer werdende Bürokratisierung, so die Akteure.

Auf Beton wächst kein Brot

Der Berufsstand macht an dem Abend deutlich, dass der immense Flächenverbrauch eine Existenzgefahr für die landwirtschaftlichen Betriebe bedeute. „Jeden Tag werden in NRW rund neun bis 12 Hektar versiegelt“, führt der Ortsverbandsvorsitzende von Varensell Ludger Edenfeld aus, „über acht Fußballfelder am Tag würden für Siedlungs- und Verkehrsfläche zubetoniert.“ In Nordrhein-Westfalen habe die Siedlungs- und Verkehrsfläche laut Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT NRW) um 19,5 Prozent von 1992 bis 2015 zugenommen. So hatte Ende 2015 die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Nordrhein-Westfalen mit 7 828 km² einen Anteil von 22,9 Prozent an der gesamten Landesfläche. Die Berufsvertreter kritisieren, der Boden, die Existenzgrundlage der landwirtschaftlichen Betriebe, gehe in großem Maße unwiederbringlich verloren. „Auf Beton wächst kein Brot und findet kein Feldvogel einen Brutplatz“, bekräftigt der Ortsverbandsvorsitzende. „Wir fordern einen verantwortungsvollen Umgang mit unserem höchsten Gut, dem Boden.“ Der Schutz von landwirtschaftlichen Flächen müsse zu einem gesellschaftlichen Ziel werden. Es müssten intelligente Lösungen verfolgt werden. „Gewerbebetriebe müssen doch heute nicht nur eingeschossig sein“, so Edenfeld. „Wir müssen dahin kommen, dass auch flächensparend mehrgeschossig gebaut wird.“ Oder bei der Wohnbebauung: Hier müsse Innenentwicklung vor neuen Wohngebieten auf besten Ackerflächen gehen.

Weiter veranschaulichten die Varenseller und Verler auf die erheblichen Dokumentations- und Kontrollpflichten. Landwirte müssen nach einer repräsentativen Umfrage, im Sommer vom Konjunkturbarometer Agrar, immer mehr Zeit an Computer und Schreibtisch verbringen, um die Auflagen, Nachweispflichten und Kontrollen in ihren Betrieben zu bewältigen. So müssen Höfe mit Tierhaltung derzeit im Monat rund 32 Stunden aufwenden, um ihre bürokratischen Pflichten zu erfüllen; etwa vier Stunden oder 14 Prozent mehr als noch 2014. Allein für die Registrierung der Nutztiere und die Dokumentation von Tierarzneimitteln sind monatlich gut 12 Stunden „Schreibarbeit“ notwendig. Zugenommen hat auch die geforderte Bürokratie im Ackerbau. Die notwendigen Aufzeichnungen bei der bisherigen Dünge-Verordnung und beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verlangen von einem durchschnittlichen landwirtschaftlichen Betrieb in Deutschland monatlich gut acht Stunden Arbeitszeit. Dazu dürfte sich nach dem neuen Gesetz zur Düngeverordnung die Dokumentation nochmals deutlich erhöhen.

Viele haben verlernt Lebensmittel wertzuschätzen

Die beiden Kreislandfrauenvorsitzenden Renate Große-Wietfeld und Marianne Albrecht erinnern daran, dass die Erntekrone sinnbildlich den Dank für die eingebrachte Ernte und die gute Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln ausdrücke. „Nahrungsmittel in bester Qualität und jederzeit verfügbar zu haben, sei keine Selbstverständlichkeit und bei weiten nicht überall auf der Welt gegeben“, so die Vorsitzende Große-Wietfeld. Deshalb sei es heute noch zeitgemäß und angemessen, den Brauch des Erntedankfestes zu feiern. „Für uns ist es auch Anlass, an die Wertschätzung und Bedeutung unserer Lebensmittel zu appellieren“, unterstreicht Vorsitzende Albrecht. Pro Sekunde würden in Deutschland mehr als 300 Kilogramm Nahrungsmittel im Müll landen. Angesichts der Tatsache, dass rund eine Milliarde Menschen auf der Welt täglich hungern würden, seien diese Zahlen ein erschreckender Beleg für Verschwendung. Die Verbraucher würden vielfach durch Werbung und Sonderangebote beeinflusst. Oft würde vermittelt, sie müssten mehr kaufen, als sie eigentlich benötigten. Durch die enorme Auswahl an Waren seien Kunden bei Ihrer Kaufentscheidung häufig überfordert – sowohl in Supermärkten als auch in „All-you-can-eat“-Restaurants. Hinzu komme: Viele Kunden hätten in unserer Luxusgesellschaft verlernt, ihre Lebensmittel ausreichend wertzuschätzen. Vielen sei nicht mehr bewusst wie kostbar diese Produkte eigentlich seien. Deshalb, so die beiden Vorsitzenden, sei Erntedank heute wichtiger und aktueller denn je.

Mäßige Ernte

Der Kreisverbandsvorsitzender Westermeyer bedankte sich bei allen Aktiven des Abends. In der Erntekrone stecke viel Arbeit. Westermeyer: „Dieses Prachtexemplar aus Getreide setzt ein Zeichen, dass jeder sehen kann: Hier wächst etwas, was gebraucht wird.“ Auf das Erntejahr 2017 blicken die Bauern mit gemischten Gefühlen. Die Ernte sei mäßig gewesen, „dennoch blieben wir Bauern hier in unserem Gebiet von wirklichen Missernten verschont“, schildert der Vorsitzende. Ein Rückblick auf das Jahr verdeutliche, dass eine gute Ernte keine Selbstverständlichkeit sei. Frühjahrstrockenheit, andauernde Regenfälle zur besten Erntezeit oder auch zuletzt das Sturmtief im September, der den Mais niederdrückten ließ, hätten den Landwirten gezeigt, wie wichtig gute Wetterbedingungen seien. „Unterdurchschnittliche Erträge und Qualitäten bei niedrigen Preisen zeichnen das Erntejahr aus“, so der Vorsitzende. Der Standortfaktor Boden sei in diesem Jahr extrem wichtig gewesen, die Ernteergebnisse würden eine große Bandbreite aufweisen. Westermeyer: „Sie reichen von schlechteste Ernte seit Jahren bis durchschnittlich.“

Landwirte fürchten Afrikanische Schweinepest

Große Sorgen bereitet den Bauern die Afrikanische Schweinepest (ASP), die sich nach wie vor in Osteuropa ausbreitet. „Wir befürchten eine Einschleppung nach Deutschland. Sie stellt eine große Gefahr für unsere Schweinehalter dar“, untermauert Westermeyer. Gegen das Virus gäbe es keinen wirksamen Impfstoff, so dass bei einem Ausbruch die Tiere des Betriebes und des Umfeldes getötet werden müssten. „Das ASP-Virus ist für den Menschen ungefährlich, kann jedoch für die Schweine haltenden Betriebe in Deutschland verheerende wirtschaftliche Folgen haben, sollte es auch in hiesigen Wild- oder Hausschweinbeständen nachgewiesen werden“, erklärt der Vorsitzende. Die Schäden könnten deutschlandweit bis in die Milliarden gehen. Wichtige Exportmärkte würden ihre Tore für deutsches Schweinefleisch langfristig schließen. Ein Absturz der Erzeugerpreise für Schweinefleisch, massive Liefer- und Handelsbeschränkungen und ein längeres Preistief wären die dramatischen Folgen. „Wenn die Pest zu uns kommt, ist mit einem Massensterben an Wild- und Hausschweinen – und ich befürchte auch an landwirtschaftlichen Betrieben zu rechnen“, unterstreicht der Vorsitzende.

Daueraufgabe bleibt: die heutige Landwirtschaft erklären

Große Aufgaben der Zukunft, so der Kreislandwirt Heiner Kollmeyer, seien für die Landwirte eine komplexer werdende Marktsituation für landwirtschaftliche Betriebe, der Strukturwandel, der Flächenfraß und die wachsenden Forderungen der Gesellschaft an eine umwelt- und tiergerechte Landwirtschaft. Darüber hinaus würden stetig wachsenden Auflagen, Verordnungen, Gesetze und Anforderungen und eine damit verbundene steigende Bürokratie zu noch mehr Wettbewerbsverzerrungen führen, so dass der Strukturwandel noch intensiver beschleunigt werde. „Für die Bauernfamilien bleibt es eine Daueraufgabe und ein Spagat, die heutige Landwirtschaft zu erklären, die steigenden Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen und dabei wirtschaftlich zu überleben“, betont Kollmeyer. Dazu gehöre für die Bauern natürlich auch die Bereitschaft, sich zu verändern und ständig neue Wege zu gehen. Die Bauernfamilien seien in der Region verwurzelt, würden in Generationen denken und handeln und eine hohe Verantwortung für ihre Höfe, für ihre Nutztiere, für ihre Umwelt und für sichere Lebensmittel übernehmen.

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