Bauern sind zu ehrlichem Diskurs bereit

09. August 2018

BZ-Gastbeitrag von WLV-Kreisgeschäftsführer Jörg Sümpelmann

Jörg Sümpelmann

Im Rahmen der gerade laufenden Serie "Mensch & Tier" hat die Borkener Zeitung WLV-Kreisgeschäftsführer Jörg Sümpelmann um einen Gastbeitrag gebeten zur Frage, warum Landwirt ein Beruf mit Zukunft ist. Hier sein Text:

Wir müssen essen, um zu leben – jeden Tag. Landwirtschaft sichert dieses Grundbedürfnis fast exklusiv. Sie ist in unserer arbeitsteiligen Welt quasi systemrelevant. Landwirt sein ist spannend, anspruchsvoll und von Wandel und Innovation geprägt. Oft anstrengend, ja - aber auch reizvoll und erfüllend. Landwirtschaft folgt einem Sinn, einer Aufgabe, die wichtig ist. Wo sonst kann man in unserer heutigen Berufswelt in Familienstrukturen, wo Alt und Jung zusammenarbeiten, mit klaren Wertvorstellungen und Rollen, funktionierendem Sozialgefüge in einem flexiblen Arbeitsalltag  zuhause tätig sein im Zusammenspiel von Natur und Technik? - Wow!

Das muss klar sein: Bauern müssen von ihrer Landwirtschaft leben können, sonst macht das keiner. Die Zeiten, „Im Märzen der Bauer die Rößlein einspannt“ und „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ gibt es so nicht mehr. Neben die alte „Romantik auf dem Lande“ tritt mehr und mehr eine durchorganisierte und effizienzgetragene Wirtschaftsweise, die Wahrnehmung von Landwirtschaft prägt. Die Arbeit in der Natur und mit den Tieren ist die große Herausforderung. Weder beim Tier noch auf den Feldern kann man „sicher planen“. Natürlich kann man damit rechnen, dass es im Sommer warm und auch heiß wird. Aber so lange, und so trocken? Und im nächsten Monat oder Jahr regnet es so stark, dass alles überflutet wird. Es gibt keine vollständigen Lösungen, sondern oft nur situative Entscheidungen, das Richtige zu tun, um Tiergesundheit, Liefertermine und Qualitätsanforderungen einzuhalten. Und erst zum Schluss zeigt sich, ob die Ernte lohnt, ob der Milchpreis „stimmt“ oder der Kilopreis für’s Schwein. Mit ihren Erntedankfesten danken Bauern Gott auch heute noch und sind demütig, wenn das Jahr geschafft ist. Feiern Sie am 7. Oktober doch mal zusammen mit Ihren Bauern!

Das Umfeld, in dem Bauern heute wirtschaften, ist nicht einfach. Deutschland ist ein Massenmarkt. Fast jeder von uns isst gern sein Stück Fleisch. Wir geben aber nur gut 10 % (etwa der neuntgeringste Wert weltweit!) unseres Nettoeinkommens für Nahrungsmittel aus. Den größten Anteil in privaten Haushalten machen laut Statistischem Bundesamt Fleisch und Fisch aus, gefolgt von Obst, Gemüse sowie Kartoffeln vor Brot und Getreideerzeugnissen und Milcherzeugnissen und Eiern. Diese Zahlen sind schon seit Jahren so. Bei allem Diskutieren und Fordern von mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz in der Landwirtschaft haben biologische Lebensmittel einen Marktanteil von etwa 5,5 %. Am ehesten sparen wir bei den Lebensmitteln. Der Lebensmittelsektor berichtet, dass Verbraucher ab 4 % Preissteigerung weniger kaufen oder auf Ersatzerzeugnisse ausweichen. Zum Monatsende dominieren Sonderangebote. Die Werbeprospekte kennen wir alle. Der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland hat sich derart stark konzentriert, dass die Verkaufsfläche für Lebensmittel bei uns etwa doppelt so hoch ist, wie in Frankreich. Wettbewerb bei uns ist vor allem Preiswettbewerb. Auch wenn der Lebensmitteleinzelhandel mit regionalen Erzeugnissen oder Nachhaltigkeitszertifikaten in Hochglanz wirbt, vieles kauft er dort ein, wo es am günstigsten ist, egal wo das auf der Welt ist. Unsere Bauern richten sich an diesem Markt aus, auf dem die Verbraucher letztlich an der Kasse mitbestimmen, was sie kaufen wollen. Das ist keine Klage, aber so sind die Fakten. Bei allem Erfolg der Branche reicht der Verdienst leider nicht bei jedem aus und es kommt zu Betriebsaufgaben und Konzentrationen. Das ist in der Landwirtschaft nicht anders, als anderswo.

Mit ihrem Ansatz der Nachhaltigkeitsoffensive, ihrer Initiative Tierwohl, ihrem Wasserkooperationskonzept zur Verringerung von Nitrateintrag in Trinkwasserreservoirs wie auch mit vermehrt wieder sichtbaren Blühstreifen usw. kommen Bauern Kritikern entgegen. Sie sind offen und bereit für einen ehrlichen gesellschaftlichen Diskurs über das, was wir wollen und was wir können. Am Ende muss es sich rechnen, auch für die Bauern.


 

 

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