Keine Ferkel - keine Zukunft

01. Oktober 2018

Über 100 Borkener bei Demonstration in Bad Sassendorf

Demo-Teilnehmer aus derm Kreis Borken.

Keine Ferkel - keine Zukunft. Rund 1500 Landwirte aus ganz Deutschland haben ihren Zukunftssorgen am Donnerstag in Bad Sassendorf lautstark Ausdruck verliehen. Am Rande der Agrarministerkonferenz fand eine Demonstration statt. Über 100 Demo-Teilnehmer kamen alleine aus dem Kreis Borken.

Hier der Demonstrationsaufruf des WLV-Kreisverbandes

Unsere Sauenhaltung steht vor gewaltigen Herausforderungen.

Aktuell müssen unsere ca. 350 Ferkelerzeuger im Kreis Borken ein ganzes Paket von neuen gesetzlichen Regelungen schultern, die überwiegend als nationale Alleingänge umgesetzt werden sollen. Dazu zählen der Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration, anstehende drastische Maßnahmen zur Durchsetzung des Kupierverzichtes beim Ringelschwanz sowie neue Anforderungen bei den Haltungsvorgaben von Sauen. Da zur Umsetzung der geplanten Verschärfungen im Deckzentrum und in der Abferkelbucht in der Regel Gebäude ganz oder teilweise verändert oder neu gebaut werden müssen, käme dadurch ein sehr hohes Investitionsvolumen auf unser Ferkelerzeuger zu.

Im Zentrum der heutigen Demonstration in Bad Sassendorf steht der Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration ab dem 1.1.2019. Die Lösung liegt in der Möglichkeit der Lokalanästhesie für die Ferkelkastration durch den Tierhalter mit Procain oder Lidocain (skandinavischer Weg). Sollte das weder durch eine Zulassung noch durch eine Umwidmung oder andere Maßnahmen zum 1.1.2019 realisierbar sein, ist eine Verschiebung des Ausstiegstermins erforderlich, wenn wir eine regionale Versorgung mit Ferkeln aus Deutschland behalten wollen.

Wir kritisieren die Entscheidung des Bundesrates v 21.9.2018, mit der eine Fristverlängerung für den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration abgelehnt wurde, scharf: „Die Blockadehaltung der Bundesländer ist nicht nachvollziehbar und ein fatales Signal für die Ferkelerzeuger. Damit ist zu befürchten, dass viele Betriebe im Kreis Borken wie auch in Deutschland insgesamt aufgeben müssen. Jetzt ist der Bundestag gefordert, schnellstmöglich eine Lösung zu suchen, damit Ferkelerzeuger in Deutschland eine Zukunft haben und im europäischen Wettbewerb mithalten können.“

In Dänemark, einem bedeutenden Wettbewerber in der Ferkelzucht, ist die Lokalanästhesie zugelassen. Bereits jetzt werden über 11 Millionen Ferkel pro Jahr aus Dänemark und den Niederlanden importiert. Wir fürchten, dass sich dieser Trend verstärkt. Verbraucher und Politik scheinen zu denken: „Wenn es denn ein Tierschutzproblem geben sollte, dann lagern wir es eben in die Nachbarländer aus und sind es los nach dem Motto: wir in Deutschland sind sauber.“ Im Gegenzug lassen wir (und müssen das aus wettbewerbsrechtlichen Gründen auch) Ferkel, die im EU-Ausland mit hier abgelehnten Methoden kastriert wurden, hier auf den Markt. Das ist ungeheuerlich.
Einzelheiten:

Mit Ebermast, Immunokastration und Betäubung stehen kurz vor Ablauf der Frist unverändert nur drei Verfahren zur Verfügung, die aber im Hinblick auf Tierschutz, Fleischqualität und Verbraucherakzeptanz Risiken bergen und Grenzen bei der Vermarktung oder erhebliche Wettbewerbsnachteile aufgrund der hohen Kosten mit sich bringen. Die gesamte Branche hat seit fast 10 Jahren im Rahmen der QS-Koordinierungsplattform „Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration“ intensiv nach einer Lösung gesucht und zahlreiche Forschungsprojekte initiiert.

Die zunächst über lange Jahre favorisierten Varianten „Jungebermast“ sowie die „Immunokastration“ haben sich dabei aus oben angegebenen Gründen für die Mehrzahl der Betriebe nicht als tragfähig erwiesen. Im Bereich der Betäubung wurde lange Zeit fast ausschließlich die (derzeit nicht zugelassene) Inhalationsnarkose mit Isofluran diskutiert. Isofluran birgt Risiken hinsichtlich des Tierschutzes und der Wirkungsweise sowie für das Klima und vor allen Dingen auch den Anwender selbst. Zudem verursacht es erhebliche zusätzliche Kosten (Investition und laufender Betrieb), was insbesondere kleinere und mittlere Betriebe treffen würde.

Erst als 2016 realisiert wurde, dass ab 2019 der weit überwiegende Teil der männlichen Ferkel weiterhin kastriert werden muss, wurde die Suche nach einem einfachen und angesichts des in den vergangenen Jahren stark angestiegenen Ferkelimports vor allem auch wettbewerbsfähigen Verfahren intensiviert. Für den bisher gefundenen Lösungsansatz einer Lokalanästhesie mit Procain oder Lidocain (skandinavischer Weg) werden aber seit geraumer Zeit Hürden aufgebaut, indem der im Tierschutzgesetz genannte Begriff „wirksame Schmerzausschaltung“ entgegen der gängigen Praxis überinterpretiert und im Falle von Lidocain eine schnelle Übergangslösung wegen einer fehlenden Rückstandsuntersuchung abgelehnt wird. Notwendig sind dagegen pragmatische Vorgehensweisen, wie sie ja bei der bisherigen Umwidmung von Isofluran oder anderen Medikamenten seit Jahren gelebte Praxis sind! Die bisherige Verweigerungshaltung der Politik zu Lasten der Sauenhalter muss beendet und ein zeitnaher Lösungsweg eröffnet werden. Ansonsten ist ein heftiger Strukturbruch zu befürchten, bei dem ein großer Teil unserer Ferkelerzeugerbetriebe wegbrechen wird.

  • Mehr zur Demonstration und zu den Hintergründen finden Sie in diesem Themenschwerpunkt.

 

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