Pflanzaktion: Baum des Jahres soll Zusammmenhänge im Ökosystem verdeutlichen

11. Oktober 2019

Eine Flatter-Ulme haben Waldbauern, Landwirte und Jäger jetzt an der Werse in Beckum gepflanzt. Den Baum des Jahres 2019 wollen sie als „Brücke“ verstanden wissen zur urbanen Gesellschaft, um wieder mehr Kenntnisse über  Zusammenhänge in der Natur zu vermitteln. „Die wenigsten Bürger wissen, dass ein stillgelegter Wald eine CO2-Bilanz von Null hat. Nur wenn wir den Wäldern Holz entnehmen und verarbeiten, bleibt CO2 gebunden“, so Franz Freiherr von Twickel als Vorsitzender der Waldbauern.
Im Kreis Warendorf sind 13 Prozent der Fläche bewaldet. Nicht viel, wie der Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer betont: „Die Wertschöpfung eines Baumes fängt eigentlich erst nach etwa 30 Jahren an. Bei Eichen sind es sogar 130 Jahre. Das Nadelholz hat inzwischen große Probleme. Wir müssen die Zusammenhänge unseres Ökosystems der Gesellschaft wieder näher bringen“, so Ulrich Bultmann. Auch für die Bürgermeister im Kreis ist Aufforstung inzwischen ein Thema, wie Dr. Karl-Uwe Strothmann als deren Sprecher betont. „Wir müssen darüber nachdenken, ob, wo und welche Bäume wir neupflanzen, oder wann wir der Natur die Möglichkeit geben, sich selbst zu entwickeln“.
Die jungen Bäume werden durch die Jäger gegen Wildfraß geschützt, wie der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Josef Roxel, zusicherte. Künftig soll jedes Jahr in einer der 13 Kreiskommunen ein Baum des Jahres gepflanzt werden.

Die Flatter-Ulme ist eher unauffällig, kaum bekannt, nur noch selten im Stadtgebiet oder an Flussniederungen anzutreffen und hat aufgrund ihres schwer zu verarbeitenden Holzes selbst bei Schreinern keinen guten Stand. Und doch ist die Flatter-Ulme zum Baum des Jahres 2019 gekürt worden. Zu Recht. Denn dieser Baum hat sich unter verschiedensten Klimabedingungen bewährt und schickt sich an, der neue Stadtbaum zu werden.
Die letzte Eiszeit hat die Flatter-Ulme vermutlich auf dem Balkan überdauert und kam vor rund 10.000 Jahren nach Mittel- und Osteuropa. Und schon in prähistorischer Zeit nutzten die Menschen die eiweißreichen Blätter der Flatter-Ulme als besonders hochwertiges Viehfutter. Ihren Verwandten, der Feld-Ulme und der Berg-Ulme setzte vor mehr als 100 Jahren ein aggressiver Pilz zu und sie verschwanden weitgehend von der Bildfläche. Insekten, die auf Ulmen spezialisiert sind, schauten in die Röhre.
Die Flatter-Ulme war gegen den Pilz offenbar resistent. Noch heute gibt es jahrhundertealte Bäume mit einer Wuchshöhe von über 30 Metern. Besonders an Flussläufen kann sie gut gedeihen dank ihrer Fähigkeit, auch über längere Zeit mit Hochwasser klarzukommen – angesichts  aktueller klimatischer Veränderungen eine nicht zu unterschätzende Stärke. Dann bildet die Ulme als einzige heimische Baumart sogenannte Brettwurzeln aus, die ihr im Hochwasser die nötige Standsicherheit garantieren und sie weiterhin mit dem nötigen Sauerstoff versorgen. In Deutschland kommt ist die Flatter-Ulme nur in den östlichen Bundesländern weit verbreitet. In den übrigen Regionen kommt sie eher an größeren Flusstälern, in der Rhein-Main-Ebene, im Oberrheingraben und entlang der Donau vor.


Aber auch im urbanen Raum bekommt die Flatter-Ulme neuen Standort: Mit längeren Trockenphasen kommt sie gut zurecht und hat auch mit erhöhten Abgasen im Straßenverkehr oder trockenen Böden bei ausbleibenden Niederschlägen keine Probleme. So gehört sie an Plätzen und Parks mit geeigneten Biotopen immer öfter zum Erscheinungsbild.
In der Holzverarbeitung hat die Flatter-Ulme allerdings keinen guten Ruf: Sie gilt als Diva, deren Holz leicht reißt und sich daher schwer verarbeiten lässt. Aber wenn sich im Stammholz immer neue Wassertriebe und Knollen entwickeln und besonders dekorative Maserungen zeigen, dann katapultiert die Flatter-Ulme urplötzlich auf einen der vorderen Plätze: Dann gilt dieses Holz als besonders teuer und begehrenswert und wird für Täfelungen, Pfeifenköpfe und teures Schreibwerkzeug verwendet.
Erkenne kann der Laie die Flatter-Ulme übrigens an ihrer besonderen Blütenanordnung: Die Blüten und Früchte sitzen auf dünnen Stielen  und flattern im Wind. Daher der Name Flatter-Ulme.

Foto:
Pflanzten die Flatter-Ulme am Hof Tüttinghoff in Beckum direkt neben dem Radweg entlang der Werse (v.li.): Ulrich Kröger (Hegeringleiter Beckum), Heinz-Josef Heuckmann (Fachbereich Umweltamt), Josef Schumacher (Ortsverbandsvors. Beckum), Christoph Tentrup-Beckstedde (Ortslandwirt), Hermann-Josef Schulze-Zumloh (Vors. Landwirtschaftlicher Kreisverband), Hubert Raring (Ortsverbandsvors. Vellern-Neubeckum), Dr. Matthias Quas (Geschäftsführer Landw. Kreisverband), Bürgermeister Dr. Karl-Uwe Strothmann, Franz Freiherr von Twickel (Vors. Waldbauernverband), Josef Roxel (Vors. Kreisjägerschaft), Markus Degener (Niederwildbeauftragter), Ulrich Bultmann (Geschäftsführer LWK-Kreisstelle), Sophia Holste (WLV).   


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