Wochenblatt-Chef nimmt auch Bauern in die Pflicht

19. September 2014

AgrarForum: Anselm Richard referiert vor 140 Besuchern

Landwirtschaft 2020 – Zwischen Streichelzoo und Weltmarkt. Mit dieser Überschrift hat der Chefredakteur des Landwirtschaftlichen Wochenblattes, Anselm Richard, seinen Vortrag überschrieben. 140 Besucher sind der Einladung des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, der Landwirtschaftskammer NRW und den Genossenschafsbanken im Kreis Borken gefolgt und sind in der letzten Woche zum AgrarForum Westmünsterland nach Stadtlohn in die Gaststätte „Zum Breul“ gekommen. Während des 90-minütigen Vortrags hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Wo stehen wir heute? Was kommt 2020? Richard spricht die großen Themenfelder an und beschreibt den Status Quo. Der deutsche Agraraußenhandel hat sich in den letzten 15 Jahren fast verdreifacht. Beispiel China: „Dort vertraut man der deutschen Babynahrung mehr als der einheimischen. Und der Genuss von H-Milch made in Germany wird in der wachsenden Mittelschicht zum Status-Symbol.“ Richard stellt fest: „Die Landwirtschaft wird gebraucht und zwar mehr denn je.“

Dennoch: In seinem Überblick über die Marktlage für landwirtschaftliche Produkte von Getreide über Milch- bis hin zu Schweinepreisen muss Richard durch die Bank mittelprächtige Daten vorstellen: „Zur Zeit besteht wenig Anlass zur Freude, wir haben aber auch keinen Grund, von einergenerellen Katastrophe zu sprechen.“

Politisch und gesellschaftlich stehen die Landwirte unter Druck, national wie auch in der EU. So habe es bei der aktuellen Diskussion in der EU über die Fortführung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und der damit verbundenen Flächenzahlungen bereits intensive öffentliche Diskussionen gegeben. Im Ergebnis mussten die deutschen Landwirte finanzielle Kürzungen hinnehmen und haben über das sogenannte „Greening“ ökologische Kriterien stärker denn je zu erfüllen. Für die nächste Anpassungsrunde 2020 ist Richard wenig optimistisch: „Wenn es weiter Zahlungen gibt, dann wohl in nochmals vermindertem Umfang und versehen mit neuen Auflagen.“ Die Akzeptanz für gesellschaftliche Zahlungen an Landwirte nehme generell ab: Dabei wird verkannt, dass der Agrarbereich allein deshalb einen so hohen Anteil an den EU-Ausgaben hat, weil die Landwirtschaft der einzige Bereich ist, der in der EU umfassend vergemeinschaftet ist.“ Und: Von diesen Mitteln würden tatsächlich bei den Bauern nur gut 27 Prozent ankommen: „Vieles geht in Regional- und Strukturfonds.“

Handlungsbedarf sieht Richard in Sachen Imagearbeit: „Das gesellschaftliche Bild der Landwirtschaft – bei Acker- und Feldwirtschaft und vor allem der Tierhaltung – hat gelitten. Eine wichtige Ursache ist Stimmungsmache von Nichtregierungsorganisationen, Medien und Politik. Möglicherweise ist aber auch der eine oder andere Stall entstanden, ohne die Nachbarn schon in der Planungsphase ausreichend zu informieren und vorzubereiten.“

In der abschließenden offen geführten Diskussion formuliert Richard ein Plädoyer: „Landwirte mit Ellbogenmentalität denken zu kurz, denn sie gefährden den Frieden in den Dörfern, sorgen für schärfere Auflagen und nehmen sich und ihren Berufskollegen hierdurch wirtschaftliche Perspektiven.“ Gegenseitige Rücksichtnahme sei wichtig, etwa bei der Wahl von Baustandorten: „Dies ist nicht immer eine Frage nur des Rechts. Die Branchenvereinbarung im Kreis Borken ist in diesem Sinne vorbildlich!“

Eine koordinierte Kommunikationsarbeit über die gesamte Agrarbranche hinweg sei überfällig. Abseits nationaler Werbekampagnen steht für Richard aber außer Frage, dass die Imageschlacht vor Ort mitentschieden werde. Hierfür nimmt er jeden einzelnen Landwirt in die Pflicht: „Niemand steht glaubwürdiger für eine gute fachliche Praxis in der Landwirtschaft als Sie selbst vor Ort.“

Zum Thema: AgrarForum Westmünsterland

Der Landwirtschaftliche Kreisverband, die Kreisstelle der Landwirtschaftskammer NRW und die Volksbanken im Kreis Borken mit der VR-Bank Westmünsterland sowie der Spar- und Darlehenskasse Reken haben 2010 das AgrarForum Westmünsterland ins Leben gerufen. Inhalt der damit verbundenen Vereinbarung ist die Schaffung einer Informations- und Diskussionsplattform für landwirtschaftliche Unternehmer im Kreis Borken. Die drei Partner wollen die Rolle der Landwirtschaft in der öffentlichen Wahrnehmung festigen und bieten für interessierte Landwirte hochkarätige Vortragsveranstaltungen sowie Workshops an über die Entwicklungen auf den Agrarmärkten und deren Auswirkungen auf die Betriebe.

Presse-Kontakt

AgrarForum Gruppenbild

Der Chefredakteur des Landwirtschaftlichen Wochenblatts, Anselm Richard (3.v.l.), referierte in der voll besetzten Gaststätte "Zum Breul" in Stadtlohn zum Thema "Landwirtschaft 2020 - Zwischen Streichelzoo und Weltmarkt". Die Veranstaltung fand im Rahmen des "AgrarForum Westmünsterland" statt, zu dem als Veranstalter (v.l.) Ludger Schulze Beiering (Landwirtschaftlicher Kreisverband Borken), Frank Overkamp (Genossenschaftsbanken im Kreis Borken) und Heinrich Wilms-Rademacher (Kreisstelle Borken der Landwirtschaftskammer NRW) eingeladen hatten. Foto: Stephan Wolfert, WLV

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