Verramschen von Milch und Fleisch stoppen!

12. November 2014

Landwirte im Kreis Borken kritisieren übermäßige Preissenkungen

Der Blick auf die aktuellen Zeitungsannoncen der Discounter drückt auf die Stimmung der Bauern im Kreis Borken. Seit einigen Wochen unterbieten sich die Anbieter mit Preissenkungen bei Fleisch- und Milchprodukten. Unter diesem Eindruck warnt der Landwirtschaftliche Kreisverband vor den Folgen eines überzogenen Preiskampfes im Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Seit Monaten befinden sich auch die Erzeugerpreise für Schlachtschweine und Ferkel, Getreide, Gemüse und Milch im Sinkflug.

Der Vorsitzende des Veredlungsausschusses im Kreisverband, Heinrich Große Liesner (Stadtlohn) beschreibt die aktuelle Situation auf den Betrieben: „Als Schweinemäster bekomme ich aktuell 15 Prozent weniger Erlös für meine Tiere als vor zwei Monaten, das sind pro verkauftem Schwein 25 Euro. Noch dramatischer trifft es aber unsere Sauenhalter, denn an die wird der Kostendruck weiter durchgereicht. Viele können aktuell nicht kostendeckend arbeiten.“ Ähnlich sieht es bei der Milch aus, wie der Vorsitzende des Milchausschusses im Kreisverband, Gerold Böggering (Bocholt) beschreibt: „Uns Erzeugern stehen schwierige Monate bevor.“

Die Hintergründe der Preisentwicklung sind vielfältig. Beispiel Milch: Die weltweite Milchproduktion ist 2014 in Erwartung freundlicher Märkte weltweit gewachsen. Gleichzeitig ist die Nachfrage am Weltmarkt tatsächlich nicht so stark gewachsen wie erwartet. Die russischen Sanktionen im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise drücken zusätzlich die Preise. Böggering hält die daraus abgeleiteten Effekte aber für überzogen: „Marktexperten gehen von grundsätzlich positiven Rahmenbedingungen aus.“ Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) führt in einer Stellungnahme vier Faktoren hierfür an: Die hohe Qualität und die Sicherheit deutscher Agrarprodukte, die wachsende Weltbevölkerung, veränderte Essgewohnheiten sowie die steigende Nachfrage nach Agrarrohstoffen für energetische und industrielle Zwecke.

Große Liesner sieht die gesamte Kette der Lebensmittelwirtschaft in der Pflicht: „Ein solcher Preissturz innerhalb so kurzer Zeit ist für mich nicht nachvollziehbar. Da haben einige Schlachtunternehmen die Marktsituation ausgenutzt und die Preise kaputtgeredet.“ Noch stärker seien viele Berufskollegen enttäuscht, weil dementgegen gesellschaftliche und politische Anforderungen an den Tierschutz die Erzeugungskosten fortlaufend steigern: „Da passt es einfach nicht, wenn Preisabsenkungen lapidar mit Verbraucherschutz begründet werden.“

Kritisch sieht der WLV auch den fortschreitenden Konzentrationsgrad im LEH. Er fürchtet die Entstehung eines marktbeherrschenden Oligopols bei Lebensmitteln und fordert deshalb vom Bundeskartellamt eine kritische Prüfung weiterer Übernahmen, wie aktuell der geplanten Übernahme der Tengelmann-Supermärke durch den Branchenprimus Edeka. Eine vom Bundeskartellamt in Auftrag gegebene Studie hatte erst kürzlich ergeben, dass die vier größten Akteure im deutschen Lebensmitteleinzelhandel – Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland – bereits heute auf einen Marktanteil von rund 85 Prozent kommen.

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Geld an Ferkelschwanz "binden"

Aktuell binden Ferkelerzeuger im Kreis Borken im übertragenen Sinne jedem verkauften Tier hinten Geld mit an den Schwanz. Sie können angesichts des Preisrutsches aktuell nicht kostendeckend arbeiten. Ähnlich geht es auch anderen Landwirten in der Region. Fotomontage: Stephan Wolfert, WLV

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