Bauern verurteilen das „Verschleudern“ von Lebensmitteln

27. August 2015

Existenzsorgen: Schweinehaltung nicht mehr kostendeckend

Gütersloh/wlv (Re): Die Bauern wehren sich gegen das „Verramschen“ von Lebensmitteln: „Wir verurteilen die niedrigen Aktionspreise für Schweinefleisch und andere Fleischsorten bei den Einzelhandelsketten Netto und Real in der vergangenen Woche auf das Schärfste“, so der Vorsitzenden des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Gütersloh Andreas Westermeyer. „Wer mit Nachhaltigkeit und Regionalität wirbt, muss dieses auch leben und darf nicht die Erzeuger treten.“ Er kritisiert vor allem, dass mit deutscher Herkunft und Qualität geworben, die Ware jedoch zeitgleich mit massiven Preisabschlägen verschleudert werde. Lebensmittel hätten einen Wert und seien kein Ramschprodukt. „Alles Bestreben, den Mehrwert von deutschem Fleisch für den Verbraucher herauszustellen, wird zunichte gemacht“, erklärt Westermeyer. „Solch eine aggressive Preispolitik ist schlichtweg die falsche Politik.“ Angesicht der für viele Bauernfamilien existenzbedrohenden Situation, sei es an der Zeit, dass alle Akteure diese Verantwortung leben.

Die Schweinebauern stehen mit dem Rücken zur Wand: „Die Ferkelerzeuger und Schweinemäster leben derzeit von der Substanz“, untermauert der Vorsitzende. Vor allem die Sauerhalter seien die Leidtragenden, sie bekämen den Druck besonders zu spüren. Der aktuelle Ferkelpreis liege gerade mal bei 35 €. Davon könnte kein Landwirt leben. „Wenn nicht bald kostendeckende Erlöse erzielt werden, drohen Betriebsaufgaben“, betont der Vorsitzende. „Und es wird wieder vor allem kleine und mittlere Betriebe treffen.“ Dabei sei das Schweineangebot, wie die Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI) berichtet, sowohl in Deutschland als auch in anderen EU-Ländern derzeit nicht allzu reichlich.

„Viele unserer Betriebe haben in den letzten Jahren viel Geld in die Hand genommen, um ihre Ställe auszustatten mit mehr Beschäftigungsmaterial, artgerechtem Scheuermaterial, Strohfutterraufen für die Tiere und vielem mehr, um mehr Tierwohl bieten zu können“, erklärt Westermeyer. „Gerade diese Betriebe stehen durch die niedrigen Schweinepreise unter einem extremen finanziellen Druck.“

„Die Schweinehalter kämpfen schon viel zu lange mit viel zu niedrigen Erzeugerpreisen“, erläutert der Vorsitzende. Bereits seit eineinhalb Jahren leiden die Betriebe unter katastrophalen Preisen und schreiben rote Zahlen. Der Grund: Als stärkster Schweinefleischabnehmer schob Russland bereits im Januar 2014 seuchenhygienische Vorsichtsmaßnahmen – die Afrikanische Schweinepest in Osteuropa – vor und machte Deutschland den Schweinefleisch-Export damit unmöglich. Als das Russlandembargo für die gesamte Landwirtschaft im Herbst 2014 verhängt wurde, sanken die Preise für weitere Produkte.

Was kann getan werden? An erster Stelle sind die Schlachtbranche und der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in der Pflicht. Sie dürfen die angespannte Marktlage nicht weiter ausnutzen und die Schweinehalter zur kurzfristigen Profitsteigerung auspressen. Weiter müssen Berlin, Brüssel und die Wirtschaft alles tun, um den Export zu beflügeln – auch das Russlandgeschäft. „Selbst wenn nur einzelne EU-Länder wieder Speck nach Moskau liefern dürfen, entlastet das den Markt“, erläutert der Vorsitzende. Darüber hinaus müsse der Fonds der Initiative Tierwohl weiter durch den Lebensmitteleinzelhandel und der Systemgastronomie aufgestockt werden. Es müssten alle Schweinehalter teilnehmen können, die bereits heute mehr Tierwohl umsetzten. Zudem sei die Politik gut beraten, sich mit weiteren Auflagen und Dokumentationspflichten zurückzuhalten! Dies würde den Strukturwandel zusätzlich anheizen und deutsche Produzenten endgültig im EU-Wettbewerb aushebeln. Westermeyer: „Keiner möchte doch, dass die Schweine künftig weite Reisen hinter sich haben und aus Bulgarien, Rumänien oder Brasilien kommen, oder?

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