Schwere Milchkrise hat auch Milchbauern
in OWL erreicht
Milchgipfel enttäuscht

13. Juni 2016

von links nach rechts: Hubertus Beringmeier - Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe, Antonius Tillmann - Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Höxter, Wilhelm Brüggemeier - Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), Dr. Herbert Quakernack - Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe und Hermann Seeker - stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe sprachen über die Milchkrise

Die Lage ist dramatisch. In NRW liegen die Auszahlungspreise der Molkereien bei einem Grundpreis zwischen 20-24 Cent pro Kilogramm. „Für die Höfe ist das die reinste Katastrophe“, so der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe Hubertus Beringmeier am Donnerstag (9.6.2016) in Paderborn-Wewer. „Wir hoffen allerdings, dass das Preistief damit erreicht ist.“ Nach dem Berliner „Milchgipfel“ hat der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband seine Mitglieder aus Ostwestfalen-Lippe in das Bürgerhaus Wewer geladen, um die aktuelle Lage mit Experten aus Wirtschaft und Politik zu erörtern.
 
„Es ist schon paradox“, führt Beringmeier ein. Für sogenannte Fairtrade-Produkte würde seit Jahren geworben. Ob es sich dabei um den Rohzuckerhersteller aus Kuba oder den Kaffeepflanzer aus Afrika handele. Der Markt mache sich stark für den Fairen Handel. Werbeslogans wie „mit gutem Gewissen genießen“ kämen an. „Nur nicht für heimische Produkte“, schildert der Bezirksverbandsvorsitzende. Fair Trade solle für Kaffeepflanzer aus Costa Rica gelten, aber nicht für Milchbauern in Ostwestfalen-Lippe.
 
Milchgipfel enttäuscht
 
Mittlerweile ist die Milchkrise in Ostwestfalen-Lippe angekommen. „Es ist mehr als besorgniserregend. Unsere Milchbauern stehen am Scheideweg“, warnt Beringmeier. „Derzeit steht bei vielen Familien die Entscheidung an, ob sie ihre Milchwirtschaft aufgeben.“ Was kann getan werden? Mittlerweile ist die Milchkrise auch in der Politik angekommen. So kündigte die Bundeskanzlerin Mitte Mai ein Hilfsprogramm für die deutschen Landwirte an, was beim Milchgipfel in Berlin am vergangenen Montag (30.5.2016) bestätigt wurde. „Was sich nach viel anhört, ist in Wirklichkeit eine eher bescheidene Aufmerksamkeit – ein Zeichen der politischen Verbundenheit, mehr nicht“, bewertet Wilhelm Brüggemeier, Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV). 100 Mio. € bedeuten bei 73000 Milcherzeugern eine einmalige „Finanzspritze“ von nicht einmal 1500 € pro Betrieb. „Doch die von Minister Schmidt versprochenen zusätzlichen Bürgschaften und steuerlichen Entlastungen sind ein erster Schritt in die richtige Richtung“, betont Brüggemeier.
 
Grundsätzlich gilt: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Im Moment gibt es allerdings zu viel Milch, deshalb muss mehr Verantwortung für das Management der Anlieferungsmengen zwischen den Markpartnern, den Erzeugern und Molkereien, wahrgenommen werden. Der Berufsstand sieht eine staatliche Steuerung der Milchmenge nicht als das erfolgsversprechende Mittel. Es gäbe keine nennenswerte Wirkung einer freiwilligen Mengenregulierung auf Molkereiebene, an der sich nicht alle Molkereien beteiligten und die allenfalls in wenigen EU-Mitgliedstaaten umgesetzt werde. Brüggemeier: „Für sich genommen ist es keine Lösung, weil zudem sofort im Ausland erzeugte Milch die Lücke schließen würde.“ Der Berufsstand warnt ausdrücklich vor nationalen Alleingängen. Als notwendig sieht er beispielsweise eine verbindlichere Mengenplanung als bisher zwischen der Molkerei und seinen Milchlieferanten. Zudem müssen die Lieferbeziehungen zwischen den Molkereien und Erzeugern neu verhandelt werden, um eine schnellere marktorientierte Angebotsanpassung vornehmen zu können.
 
Brüggemeier untermauert die notwendige, zeitnahe Umsetzung der Beschlüsse des Milchgipfels. „Von Ankündigungen werden unsere Milchbauern nicht leben können“, so der Milchvertreter. „Innerhalb der nächsten zwei Monate erwarten wir konkrete Ergebnisse.“ Einig sei sich der Milchgipfel darin gewesen, dass der Handlungsbedarf vor allem bei den Molkereien bestehe. Den Lebensmittelhandel sieht Brüggemeier gefordert, dass er die jüngsten, „völlig unverantwortlichen Kontraktabschlüsse“ mit den Molkereien neu verhandle. Er beklagt die Marktmacht und fordert deren Einschränkung. „Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist nicht der Verursacher, nutzt sie aber massiv aus“, so Brüggemeier. „Wir brauchen auskömmliche Preise“, so sein Appell an den LEH. Er macht deutlich, dass es in der Milchkrise leider nicht „die“ Lösung gebe, es müsse auf vielen Ebenen versucht werden, etwas zu machen. „Langfristig muss zudem bei allen Parteien, inklusive Verarbeitern und Lebensmitteleinzelhandel, ein Bewusstsein da sein, den Wert unserer Lebensmittel anzuerkennen, damit Landwirtschaft in Deutschland weiterhin existieren kann“, unterstreicht Beringmeier.

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