Regierungspräsidentin Thomann-Stahl im Gespräch mit grüner Berufssparte
Flächenfraß gefährdet heimische Landwirtschaft

22. Juli 2013

Lippe/wlv (Re) Einen hohen Gast konnten Dieter Hagedorn, Vorsitzender des Lippischen Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LLHV) und Dr. Stefan Brinker, Leiter Landwirtschaft der Zuckerfabrik Pfeifer & Langen, Werk Lage, begrüßen: Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl. Das Treffen am Montag (22. Juli) bei der Zuckerfabrik in Lage fand im Rahmen einer Reihe von Besuchen der Regierungspräsidentin innerhalb der grünen Berufsparte statt. Ich möchte mich vor Ort über die Landwirtschaft, über ihre Lage und ihre Entwicklungen informieren, erklärte Thomann-Stahl zu Beginn. Mich interessieren die Sorgen und Nöte und die Herausforderungen, die der grüne Berufszweig in Zukunft zu bewältigen hat. Bei ihrem Ortstermin ging es um die Themen Anforderungen hinsichtlich des Flächenverbrauches innerhalb und außerhalb der Landwirtschaft sowie die geplante Abschaffung der Zuckerquoten im Jahr 2017.

Doch zuerst machte sie im Gespräch die Notwendigkeit und Wichtigkeit des grünen Berufsstandes deutlich: Eine funktionierende Landwirtschaft mit ihren vor- und nachgelagerten Bereichen sei das A und O des ländlichen Raumes, um mit der Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln, der Bioenergie und der Pflege der Kulturlandschaft seine Attraktivität sicherzustellen. Der ländliche Raum benötige die Landwirtschaft als einen unverzichtbaren Bestandteil der Gesellschaft. Die Berufsvertreter wie auch der Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) Wilhelm Brüggemeier und der Bezirksverbandsvorsitzende Arnold Weßling freuten sich über ihr Interesse am grünen Berufsstand.

Ein großes Thema des Treffens war der erhebliche Entzug von landwirtschaftlichen Flächen durch die Ausweisung von Gewerbe- und Baugebieten, für Straßenbau und Infrastrukturprojekte sowie für Maßnahmen des Natur- und Umweltschutzes. Der zunehmende Verlust landwirtschaftlicher Flächen im Kreis Lippe ist zu einem ernsten Problem geworden, untermauert der Hauptvereinsvorsitzende Hagedorn. Auch innerhalb der Landwirtschaft würden natürlich Flächen benötigt, z.B. für Betriebserweiterungen, den Stallneubau oder die Neuanlage von Biogasanlagen. Zudem tritt auch die Zuckerfabrik als Nachfrager von landwirtschaftlichen Flächen auf. Der Fortbestand dieses landwirtschaftsnahen Unternehmens in Lage ist eng verknüpft mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Vorhalten von großdimensionierten Erdeauflandungsbecken in der Nähe der Produktionsstätte. Nicht genug damit, dass all diese Flächen der Landwirtschaft unwiederbringlich verloren gehen, kommt der Vorsitzende Hagedorn auf den Punkt. Ein zum Teil noch größerer Teil an Flächen wird der Landwirtschaft durch die zurzeit erforderlichen Kompensationsmaßnahmen entzogen!

Beispielhaft schildert Landwirt Albrecht Helweg der Regierungspräsidentin seine Situation: Sein Hof (Papendiek 33) in Lage liege genau zwischen den beiden Städten Detmold und Lage (Nähe B 239). Beste Böden sollen hier für die Gewerbegebietsentwicklung beider Städte geopfert werden. Aber auch die Zuckerfabrik Lage, die dort ihre Klärteiche hat und erweitern möchte, zehrt an den Flächen. Hervorragende Böden beispielsweise für den Anbau von Zuckerüben sollen geopfert werden und gehen damit unwiederbringlich verloren, kritisiert Hagedorn. Kein Rübenroder könne mehr Zuckerrüben, kein Mähdrescher mehr Weizen ernten, kein Brot und kein Zucker könnten mehr erzeugt werden. Helweg berichtet, dass er schon zu Beginn der Gewerbegebietsausweisung Sülterheide vor etwa 15 Jahren 30 Hektar Pachtfläche quasi über Nacht verloren habe. Durch die jetztige Gewerbegebietsausweitung sowie den geplanten Klärteich würde er wieder insgesamt 11 Hektar verlieren. Helweg untermauert, dass er auf die Flächen angewiesen sei. Wir Bauern leben nun mal mit und von der Fläche. Der Landfraß sei für seinen Betrieb existenzgefährend. Vater und auch sein 25-jähriger Sohn Markus, der später den Hof übernehmen möchte, geben zu Verstehen: Das kann so nicht mehr weitergehen.

Besonders schmerzlich aus Sicht der Landwirtschaft ist insbesondere der zusätzliche Entzug landwirtschaftlicher Nutzflächen für gesetzliche Kompensationsmaßnahmen. Der Vorsitzende Hagedorn weist auf die enorme Flächeninanspruchnahme für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen hin: Im Rahmen gesetzlicher Vorgaben müssen Eingriffe in Natur und Landschaft wie bei Gewerbe-, Wohn- und Straßenbau ausgeglichen werden. Der Landwirtschaft würden somit in zweifacher Weise Flächen entzogen, durch den Bau des Gewerbegebietes sowie durch die Kompensationsmaßnahme. Wir brauchen einen intelligenten Landschaftsschutz, denn unsere Flächen sind knapp und nicht vermehrbar, fordert Hagedorn. Wichtig ist Qualität statt Quantität!

So zeigte Sabine Schwirschke von der Bezirksstelle für Agrarstruktur in Ostwestfalen-Lippe Möglichkeiten auf, erforderliche Ausgleichsmaßnahmen zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie einzusetzen. Sie verdeutlicht, dass nicht nur die Gewerbegebietsentwicklung zwischen Lage und Detmold ein Problem für die heimische Landwirtschaft darstelle. Durch Kompensationsmaßnahmen werden zudem zusammenhängende Ackerfeldblöcke in ungünstige kleinere Strukturen zerschlagen, erklärt Schwirschke und ergänzt: Um den betroffenen Höfen nicht zusätzlich Flächen zu entziehen, sollten Kompensationserfordernisse durch die Umsetzung von Maßnahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) umgesetzt werden. Zum Hintergrund: Bei Maßnahmen im Rahmen der WRRL strebt die Europäische Union die Verbesserung der europäischen Gewässer zu einem guten Zustand an. So sind beispielsweise in unmittelbarer Nachbarschaft des Gewerbegebietes Sülterheide für den Oetternbach durch die WRRL Maßnahmen vorgesehen. Dazu gehört z.B. der Rückbau von Uferbefestigungen, welche Pflanzen oft nur wenig Halt gewähren. Werden die gemäß der WRRL erforderlichen Maßnahmen als Ausgleich für den Eingriff in Natur und Landschaft durch das Gewerbegebiet von der Stadt Lage umgesetzt, so wäre es für alle Belange eine Win-win-Situation, unterstreicht Schwirschke. Die Maßnahmen der Wasserrahmenrichtlinie könnten zeitnah umgesetzt werden, Naturschutzmaßnahmen würden in sensible Bereiche gelenkt und landwirtschaftliche Flächen können in der landwirtschaftlichen Erzeugung bleiben. Wir brauchen intelligente Lösungen, unterstützt ebenso der Bezirksverbandsvorsitzende Arnold Weßling. Auch er sieht einen Gewinn für zwei Seiten. Wir müssen begreifen, dass Boden nicht vermehrbar ist.

Im weitern Verlauf des Besuches waren zudem die Auswirkungen der unwiderruflichen Abschaffung der Zuckerquoten nach den aktuellen EU-Beschlüssen vom Juni 2013 ein Thema. So zeigten sich die Vertreter des Berufstandes und der Zuckerfabrik Lage über die Entscheidung enttäuscht. Dr. Stefan Brinker, Leiter Landwirtschaft der Zuckerfabrik Pfeifer & Langen sowie Geschäftsführer des Verbandes der Rübenanbauer im Lippe-Weser Raum erläutert, dass sie letztmalig für zwei Jahre bis zum 30. September 2017 verlängert werden solle. Er macht deutlich, dass eine Fortführung bis 2020 deutlich sachgerechter gewesen wäre. Die Quoten garantierten bisher in der EU eine Eigenversorgung mit Zucker von zumindest 85 % und waren daher ein Sicherheitsnetz für Rübenbauern und Verbraucher, so Dr. Brinker. Er befürchtet, dass ein Wegfall der Zuckerquoten in Europa zunehmend abhängig mache von überseeischen Exporteuren und die Verbraucher ungeschützt den Preisschwankungen des Weltmarktes ausliefern werde. Ferner würde der Rübenanbau in der Region seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren und die heimische Rübenverarbeitung mit ihren Arbeitsplätzen gefährdet.

Am Ende des Gesprächs bekräftigt der Bezirksverbandsvorsitzende Weßling, dass sich die Landwirte in all ihrer Vielfältigkeit der Nachhaltigkeit und einem Ausgleich zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Verantwortung in der täglichen Arbeit verpflichtet fühlten. Die Regierungspräsidentin lobte die interessanten wie auch unterschiedlichen Einblicke in die grüne Berufssparte sowie den offenen, fairen Meinungsaustausch. Sie betonte die Bedeutung der Landwirtschaft mit ihren vor- und nachgelagerten Bereichen im Kreis Lippe und sicherte zu, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Belange der Landwirtschaft einzusetzen.

Presse-Kontakt

Daten werden geladen …