Landwirtschaft in schwierigen Zeiten
Bauern stecken in tiefer Krise – Preisverfall bedroht Existenzen

17. Mai 2016

Interview mit Bauernvorsitzendem Dieter Hagedorn zur derzeitigen Lage

- Bauernvorsitzender Dieter Hagedorn zur derzeitigen Lage der Höfe.
- Die Milchbauern stecken in tiefer Krise.
- Der Preisverfall bedroht Existenzen: Die wirtschaftliche Lage der milchviehhaltenden Betriebe ist äußerst angespannt.

Lippe/WLV (Re) „Die landwirtschaftlichen Betriebe geraten immer stärker in eine existenzgefährdende Situation. Die aktuellen Trinkmilchabschlüsse der Molkereien mit dem Lebensmitteleinzelhandel bedeuten einen weiteren drastischen Rückgang des Milcherzeugerpreises. Die derzeitige wirtschaftliche Situation auf den Höfen ist besorgniserregend, teilweise existenzbedrohend. Landwirte denken an Betriebsaufgabe. Mögliche Hofnachfolger sind verunsichert. Hat Landwirtschaft Zukunft? Wir haben mit dem Vorsitzenden des Lippischen Landwirtschaftlichen Hauptvereins Dieter Hagedorn über die Situation auf den Höfen gesprochen.

Herr Hagedorn, wie sieht es derzeit auf den Höfen aus?

Dieter Hagedorn: Die wirtschaftliche Lage unser Betriebe ist äußerst angespannt. Das Preistief am Milch- und Schweinemarkt sowie wegbrechende Absatzmärkte bringen die Höfe derzeit an den Rand ihrer Existenz. Milchvieh- und Schweinehalter kennen über einen zu langen Zeitraum fast nur die Tendenz nach unten, auch im Ackerbau läuft es nicht rund. Die Wertschöpfungsverluste summieren sich mittlerweile auf mehrere Milliarden Euro. Allein mit ihren unternehmerischen Entscheidungen können wir Bauernfamilien die aktuellen Probleme nicht mehr überwinden. Die finanzielle Situation spitzt sich dramatisch zu, es geht an die Substanz. Wir befürchten Strukturbrüche. Die Landwirte haben mit Tiefstpreisen für ihre Erzeugnisse zu kämpfen, werden aber immer wieder mit neuen Anforderungen konfrontiert. Dass sich die Preise immer mal wieder verbessern und verschlechtern, ist natürlich nichts Neues. Allerdings werden die schlechten Perioden immer länger, zumal die Kosten wegen der steigenden Umwelt- und Tierhaltungsanforderungen zunehmen.

Herr Hagedorn, was sind die Ursachen für die dramatische Preismisere?

Dieter Hagedorn: Die Markt- und Preiskrise auf fast allen Agrarmärkten hat ihre Ursachen in politischen Entscheidungen und in wirtschafts- wie marktpolitischen Entwicklungen. Kaufkraftverluste in erdölexportierenden Golfstaaten, die ein Drittel der weltweit gehandelten Milchprodukte importierten, rückläufige Importe seitens China und das Importembargo Russlands als einem der wichtigen Importeure insbesondere von deutschem Käse sind für eine geringere Nachfrage nach Milchprodukten bei hohem Angebot verantwortlich. Seit 2014 ist das Milchaufkommen weltweit stabil hoch, insbesondere durch Neuseeland, Australien, den USA und auch durch die Europäische Union (EU). In der EU hat es Produktionssteigerungen in Irland, den Niederlanden, Polen und Dänemark gegeben. Deutschland hat die Milchmenge moderat gesteigert.

Was macht den Bauern weiter zu schaffen?

Dieter Hagedorn: Ein Problem ist auch die Struktur des Marktes, die fortschreitende Konzentration im Lebensmittelhandel (LEH). Die großen Supermarktketten diktieren ihren Lieferanten und damit auch uns Bauern mehr oder weniger die Preise vor. Die Einkäufer des Lebensmitteleinzelhandels sehen wohl ihre „Nachhaltigkeit“ darin, Nahrungsmittel unter Erstellungskosten einzukaufen. So sieht keine langfristige Strategie eines verantwortlichen „Lebensmittel“-Händlers aus. Wenn der Handel regionale und gesunde Lebensmittel anpreist und sich selbst als nachhaltig darstellt, so kann dies in diesen Zusammenhang nur ein Lippenbekenntnis sein. Ähnlich dem Verhalten bei der bundesweit gelobten Initiative Tierwohl, das durch kaufmännisches Kalkül behindert wird. Darüber hinaus verlangt der LEH von uns ständig neue Anstrengungen bei der Umsetzung strengerer Nachhaltigkeitsstandards – ohne die dadurch entstehenden höheren Erzeugerkosten auszugleichen. Der LEH betreibt förmlich einen regelrechten Wettlauf, um sich gegenseitig mit Forderungen an die Erzeuger zu überbieten. So bestimmen die fünf großen des LEH (Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Metro) nicht nur darüber, was Lebensmittel kosten „dürfen“. Sie diktieren auch noch die Produktionsbedingungen bis hin zum landwirtschaftlichen Betrieb und entwickeln diese nach „Gutdünken“ weiter. Wer ständig die Messlatte beim Tierwohl oder sonstigen Nachhaltigkeitskriterien erhöht, der muss auch bereit sein, diesen Mehrwert zu bezahlen. Wir brauchen hier dringend eine Verantwortungs-Partnerschaft der wichtigsten Akteure in den Lebensmittelketten. Wir sehen die Konzentration, das Oligopol im Lebensmitteleinzelhandel, äußerst fragwürdig und als eine große Gefahr an. Hier sind Kartellamt und Gesetzgeber gefordert. Mittelfristig muss das Wettbewerbsrecht unbedingt gestärkt werden. Weitere Übernahmen durch die fünf größten Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels müssen untersagt werden. Eine bessere Kontrolle von Marktmissbrauch ist notwendig.

Herr Hagedorn, was kann getan werden?

Dieter Hagedorn: Was kurzfristig helfen kann, um möglichst viele durch das Tal zu bekommen, sind Liquiditätshilfen und Bürgschaften sowie eine über das Jahr 2016 hinausgehende Anhebung der Bundeszuschüsse zur Landwirtschaftlichen Unfallversicherung für 2017 und 2018. In der derzeitigen Situation sind außerdem Erleichterungen im Steuerrecht das Gebot der Stunde, da die Betriebe nach den Einkommen vergangener Jahre veranlagt werden. Wir fordern einen jährlichen Freibetrag zur betrieblichen Schuldentilgung. Langfristig sollte auch über eine steuerfreie Risikorücklage nachgedacht werden, nicht nur in der Landwirtschaft. Dies würde auch kleineren Handwerksbetrieben helfen. Das jetzige Steuerrecht fördert nur die Investition in starken Jahren, lähmt aber die Risikovorsorge, die voll besteuert wird. Auch mit Entlastungen bei der Besteuerung des Agrardiesels kann die Bundesregierung den Betrieben helfen. In Deutschland liegt der Steuersatz deutlich über dem Niveau anderer europäischer Länder. Eine Entlastung der Landwirte kann auch die Politik durch Verzicht ständig neuer kostentreibender Vorschriften im Bau-, Natur- oder Umweltrecht erreichen. Jede zusätzliche Auflage kostet unsere Bauern Geld, das derzeit nicht da ist. Wir sind gerne bereit, auf hohen Niveau zu erzeugen, dies muss aber wirtschaftlich machbar sein. Langfristig muss bei allen Parteien, inklusive Verarbeitern und Lebensmitteleinzelhandel, ein Bewusstsein da sein, den Wert unserer Lebensmittel anzuerkennen, damit Landwirtschaft in Deutschland weiterhin existieren kann.

Kasten: Ostwestfalen-Lippeweite Milchtagung am 9. Juni 2016

Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) veranstaltet im Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe eine Milchtagung am Donnerstag, 9. Juni 2016, von 13.00 bis 16.00 Uhr im Bürgerhaus in Paderborn-Wewer. Nach der Begrüßung durch den Bezirksverbandsvorsitzenden Hubertus Beringmeier, spricht Hans-Jürgen Sehn von der Molkerei Hochwald über die Marktkrise aus Sicht der Molkereien. Ein Vertreter des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen referiert zum Thema: Welche Lösungsansätze bietet die Politik? Prof. Dr. Bernhard Brümmer, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Georg-August-Universität Göttingen beleuchtet die Krise am Milchmarkt aus wissenschaftlicher Sicht. Die Aktivitäten und Positionen des Bauernverbandes stellt WLV-Vizepräsident Wilhelm Brüggemeier vor. Einen kritischen Blick auf die Branche wirft Berthold Achler, Chefredakteur des Landwirtschaftlichen Fachblattes top agrar. Alle Interessierten sind herzlich zu der Milchveranstaltung eingeladen.

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