Trockenheit, Zukunftsängste und Protest

27. Dezember 2019

Landwirte ziehen Jahresbilanz

Kreis Soest (wlv). „2019 war ein Jahr, das uns Bauern in Erinnerung bleiben wird:  Politische Rahmenbedingungen, die die Landwirte im Herbst auf die Straße getrieben haben und ein Sommer mit viel zu wenig Niederschlägen im zweiten Jahr in Folge“, blickt Josef Lehmenkühler, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Soest, zurück.


 „Wir Bauern arbeiten unter freiem Himmel und 2019 zeigte uns erneut, wie abhängig wir von der Natur sind“, sagt Landwirtevorsitzender Lehmenkühler. Im zweiten Jahr in Folge sei die Vegetationsperiode von deutlich zu geringen Niederschlägen geprägt gewesen. Die Bodenfeuchten seien extrem niedrig gewesen, vielfach so gering wie noch nie seit Beginn der Messungen im Jahr 1961.Trotz Trockenheit und Hitze könnten die Bauern im Kreis Soest aber eine größtenteils positivere Erntebilanz ziehen, als in vielen anderen Gegenden Deutschlands. „Wie auch im letzten Jahr weisen die Ernteergebnisse bedingt durch Bodenverhältnisse und lokale Witterung eine große Bandbreite auf“, sagt der Landwirt und führt weiter aus: „Auf den guten Böden im Kreisgebiet können wir zufrieden sein, auf den leichteren oder flachgründigeren Böden, die Wasser nicht lange speichern können, haben die Pflanzen deutlich stärker gelitten.“ Problematisch sei die Ertragssituation fast überall auf dem Grünland gewesen. Nach dem zweiten Grasschnitt sei auf den Wiesen kaum noch etwas nachgewachsen. Für die Landwirtsfamilien, die dieses Futter für ihre Tiere wie Rinder, Pferde und Schafe benötigten, sei in 2019 die Futtersituation deshalb angespannt und teilweise müsse kaum verfügbares Futter teuer Futter zugekauft werden. „Besonders in Erinnerung werden uns die Feldbrände im Sommer 2019 bleiben“, sagt der Lehmenkühler. „Bei der Trockenheit reichte der kleinste Funke, um ganze Felder in Brand zu stecken.“


Mehr als das Wetter, habe die Landwirte in 2019 die Politik getroffen. „Wir haben den Eindruck bei politischen Entscheidungen die Sündenbockfunktion einzunehmen“, sagt Lehmenkühler. Viele Auflagen, die nicht auf fachlicher, sondern auf rein politischer Ebene entstünden, seien auf die Landwirtschaft eingeprasselt. Das Fass zum Überlaufen gebracht hätte bei den Bauern das Agrarpaket, das Umweltministerin Svenja Schulze und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner Anfang September vorgestellt hätten. Für die Bauern im Kreis Soest sei es, wenn es so komme, wie von den Ministerinnen geplant sei, fatal. „Mit den Auflagen wären wir Landwirte im Vogelschutzgebiet Hellwegbörde nicht mehr handlungsfähig. Zudem ist die Wirkung verschiedener Maßnahmen, die dann notwendig wären, wie beispielsweise das Striegeln, für den Vogelschutz kontraproduktiv“, sagt der Vorsitzende. Viele politische Gespräche seien gefolgt, auch mit Ministerpräsident Laschet und Landwirtschaftsministerin Heinen-Esser.


Zudem hätten sich innerhalb kurzer Zeit Bauern und Bäuerinnen über soziale Medien als „Land schafft Verbindung“ vernetzt und Treckerdemos organisiert - auch im Kreis Soest „Die pure Existenznot hat besonders unsere jungen Leute auf die Straße getrieben“, sagt Lehmenkühler und führt weiter aus: „Mit viel Liebe zur Landwirtschaft, einem hohen Maß an Engagement und einer guten fundierten Ausbildung sind diese Menschen gerade erst auf unseren Höfen gestartet.“ Für teure Investitionen bräuchten sie Planungssicherheit, um langfristig Perspektiven zu haben und ihre Familien ernähren zu können. Besonders kleine und mittlere Höfe, die  die Auflagen finanziell nicht stemmen könnten würden so aus der Landwirtschaft gedrängt. „Wer auf der einen Seite die Märkte immer weiter öffnet und auf der anderen Seite die Auflagen so hoch schraubt, dass wir auf dem Weltmarkt überhaupt nicht mehr wettbewerbsfähig sind, der muss sich nicht wundern, wenn ein Hof nach dem anderen aufgeben muss“, sagt Lehmenkühler.


„Es geht nicht darum, dass wir Landwirte nichts verändern wollen. Auch wir müssen uns, wie alle Wirtschaftsbereiche, neuen Herausforderungen stellen“, sagt der Landwirtevorsitzende. Es gebe viele Bestrebungen innerhalb der Landwirtschaft zum Insekten-, Klima- und Umweltschutz sowie zum Tierwohl. „Wir vermissen bei unserem Engagement die Unterstützung der Politik“, so Lehmenkühler. Anstelle dessen gebe es permanent neue Auflagen, die nicht zu stemmen und deren Erfolg aus fachlicher Sicht mehr als fraglich sei. „Auflagen werden fast ausschließlich auf Kosten der Landwirtschaft gemacht, da die geringe Anzahl an Bauernfamilien, die es noch gibt, als Wählerklientel nicht mehr die Rolle spielt“, sagt er und führt weiter aus: „Wenn gravierende und extrem teure Anforderungen von uns Landwirten verlangt werden, muss sich das finanzieren lassen. Da wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten festgestellt haben, dass das über den Preis der Produkte nicht möglich ist, müssen andere gesellschaftliche Lösungen gefunden werden.“


Für das neue Jahrzehnt wünscht sich  Landwirtevorsitzender Josef Lehmenkühler, dass die Landwirtschaft stärker in politische Überlegungen und Entscheidungen einbezogen wird. „Wir können nur dann unsere bäuerlichen Familienbetriebe in unserer Region erhalten, wenn die Auflagen für den Natur- und Tierschutz wirklich sinnvoll und für die Bauernfamilien zu stemmen sind“, sagt er.


Presse-Kontakt

Kreisverbandsvorsitzender Josef Lehmenkühler blickt auf das Jahr 2019 zurück.

Viele politische Gespräche fanden im Herbst 2019 statt; hier Kreisverbandsvorsitzender Josef Lehmenkühler mit Ministerpräsident Armin Laschet im Gespräch über die Auswirkungen des Agrarpaketes im Vogelschutzgebiet Hellwegbörde.

Auch die Bauern und Bäuerinnen der Region haben sich den Herbstprotesten angeschlossen; hier eine Gruppe aus dem Kreis Soest Und Hagen im Oktober in Hamburg im Gespräch mit Ministerin Ursula Heinen-Esser.

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